Gute Wahl, Monsieur! Diese Bäckerei macht glücklich

Die Bäckerei von St. Guenolé

Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, dann liegt es hier. Ganz im Südwesten der Bretagne, in der Finistère. Die Römer gaben der Region einst ihren Namen: finis terrae, Ende der Welt. Das Meer ist wild, Hecken und Baumreihen sind vom ständigen Westwind niedergedrückt und harren so demütig aus. Die Bretonen hier unten sind stolz und geradeaus. Sie leben vom Fischfang und von der Landwirtschaft.

St. Guénolé ist mit wenigen tausend Einwohnern einer der wichtigste Sardinenhäfen Frankreichs. In großen Fabriken direkt am Wasser wird der Fisch industriell verarbeitet. Keine pittoreske Hafenszenerie, keine schicken Segelboote erfreuen hier das Auge der Besucher. Nur Fischkutter in allen möglichen Farben und Größen zieren das Hafenbecken. Schon von Ferne ist der Fischgeruch zu riechen. St. Guénolé ist ein ehrlicher, ein dreckiger Hafen. Die Möwen kreischen, sie warten auf ihre Gelegenheit, wenn der Fang gelöscht wird. Und sie scheißen aus allen Rohren. Auf Autos, auf Dächer, auf Bürgersteige und Marktstände.

Die Männer des Ortes treffen sich schon morgens um acht in der Bar. Nicht nur auf einen Café. Hier geht auch schon Bier oder Lambig, der bretonische Schnaps, über die Theke. Fabrikarbeiter, Fischer, jene, die Arbeit suchen. Es ist eine Männerwelt, die Gesichter sind ebenso verwittert wie die Bruchsteinmauern, aus denen hier fast alles gemacht ist.

Um diese Zeit sind auch andere unterwegs, um ihr Brot zu holen. Und da geht in St. Guénolé  kein Weg an der Boulangerie/Pâtisserie du Port vorbei. Die Bäckerei und Konditorei am Hafen. Von außen sieht sie aus wie viele andere Bäckereien in Frankreich. Braune Markisen schützen die Backwaren vor der Sonne, durch zwei große Scheiben fällt Licht ins Innere. Aber wenn sich die Tür mit einem leisen Klingelton nach innen öffnet, betritt man eine andere Welt.

Den Geruch von warmem Baguette, von Pain au chocolat und Butter nehme ich zuerst wahr. Meine Augen entdecken kleine Obsttorten. Diese Tartes gibt es zu dieser Jahreszeit mit Aprikosen oder Äpfeln. Die Früchte sind karamelisiert. Daneben die Éclairs, längliche und sehr leckere Teilchen aus Brandteig, Pudding und Schokoladen- oder Karamellsauce. Es gibt kleine sehr süße Köstlichkeiten, Macarons, in vielen Farben. Braun, grün, rosa, gelb und bläulich. Weiter zu den Brioches, deren Teig hier wegen des Buttergehaltes fast gelb ist. Nature, mit Zucker oder Schokolade. Baguettes in vielen Ausprägungen, vom ganz ordinären bis zum dunkler gebackenen, das sie hier Festive oder Tradition nennen.

Draußen war es windig und noch ein wenig kühl. Hier ist es angenehm temperiert. Draußen dominierten graue und blaue Farben, hier ist das Licht warm und einladend. Und hinter der Verkaufstheke stehen — Frauen. In diesem von Männern dominierten Fischerort ist diese Bäckerei ganz in Frauenhand. Heute sind es drei Madames, die die lange Schlange der geduldig Wartenden bedient. Die Verkäuferinnen sind den morgendlichen Ansturm gewöhnt. Sie sind nicht genervt oder hektisch. Sie vermitteln jedem das Gefühl, an einem besonderen Ort besondere Sachen einzukaufen.

Ich bin an der Reihe. Für meine Auswahl werde ich gelobt. Zwei Festives, soundsoviele Pains au chocolat.  „Sehr gut, Monsieur, da haben Sie eine gute Wahl getroffen.“ Mit diesem Lob geht der Tag gut los. Nicht, dass ich seiner bedurft hätte. Aber ich höre natürlich gerne, dass ich einen guten Geschmack habe. Noch dazu von dieser Bäckersfrau mit diesem Lächeln. Ich glaube, Sie findet mich auch ganz nett. Ich bezahle und gehe hinaus, in die vollgeschissene raue Seefahrerwelt, in der die Männer morgens um acht schon Bier saufen. Ich bin glücklich. Diese Bäckerei verkauft nicht nur Brot, sondern Sicherheit. Alles wird gut.