Am schlimmsten ist die Enge – Über die ersten Wochen einer iranischen Flüchtlingsfamilie

Und plötzlich fließen die Tränen. Nicht bei den Kindern, bei den Erwachsenen. Papa und Mama müssen weinen, als sie mir die Geschichte ihrer Flucht von Teheran in den Rhein-Sieg Kreis erzählen. Mustafa* (35) und Mina (24) reiben sich die geröteten Augen, während sich Tochter Mahsa (8) und der kleine einjährige Kasra mit dem großen Zeichenblock beschäftigen.

Wir sitzen in dem holzverkleideten Vereinsraum des Turnverein Hangelar 1962 e.V.. Der Vorsitzende Otto Deibler hat uns hier zusammengebracht. Er macht mit beim Runden Tisch, einer Bürgerinitiative für Flüchtlinge. Und er kümmert sich jetzt um die Kinder, damit die Erwachsenen reden können. Dank einer Übersetzerin gelingt das auf Farsi und Deutsch.

Mit vier Personen in einem Raum

„Am schwierigsten ist die Enge. Wir teilen uns den Kühlschrank, die Küche und das Bad mit 29 anderen. Wenn du nicht aufpasst, sind deine Einkäufe aus dem Kühlschrank weg, bevor du gekocht hast. Kasra hat Asthma, aber die anderen nehmen darauf keine Rücksicht und rauchen. Wir müssen die Tür schliessen und dann wird es noch enger“, erzählt Mina. Vielleicht zwölf  oder 13 Quadratmeter misst das Zimmer, das der vierköpfigen Familie im Übergangswohnheim seit sieben Wochen als Zuhause dient. Hier schlafen und essen sie, hier macht die Neunjährige die Hausaufgaben. 

In Teheran hatten sie ein geräumiges Dreizimmer-Appartement, Mustafa hatte einen guten Job in der Industrie, Mina studierte. Was hat die Familie in die Flucht getrieben, was zu diesem Schritt ins Ungewisse? Warum haben sie den Beruf aufgegeben, Familie und Freunde? Und warum haben sie eines Tages das Ersparte an Leute gezahlt, die die Flucht organisierten, inklusive Visum und Linienflug über Dubai nach Düsseldorf? Das war vor rund zehn Wochen. 

Schwere Menschenrechtsverletzungen im Iran

„Wir waren nicht mehr sicher“, erzählt Mustafa, „nachdem mein Bruder eine Bibel in unserer Wohnung entdeckt hatte. Er ist fanatisch und hat uns sofort an ein Komitee verraten. Die haben meinen Arbeitgeber gesagt, dass ich Christ bin. Und von da an wurde meiner Familie gedroht.“ Wovon sich Muslime andernorts selbstverständlich distanzieren, ist im Iran immer noch an der Tagesordnung. Das Land ist seit Jahrzehnten für seine Menschenrechtsverletzungen bekannt.  Die radikale Koranauslegung der Mullahs sieht eine Konvertierung zum Christentum nicht vor, der „Abfall vom Glauben“, die so genannte Apostasie, zieht schwere Strafen und Verfolgungen nach sich. Konvertierten Christen drohen lebenslange Haftstrafen oder die Todesstrafe. Unter Druck geraten aber auch sunnitische Muslime und die Baha´i. Meinungs- und Pressefreiheit gibt es nicht, kritischen Journalisten droht Folter.

Kaum vorstellbar, wie man in einer solchen Umgebung überhaupt an eine Bibel kommt. Mustafa: „Ein Freund von mir war Christ und hat mir viel davon erzählt. Mich haben die Geschichten gepackt und dann habe ich auch meiner Frau davon erzählt.“ In Hauskreisen traf sich die Familie heimlich mit anderen, um über den neuen Glauben zu sprechen.
Die Grafik zeigt: Deutschland liegt mit 200.000 aufgenommenen Flüchtlingen jährlich nur auf Platz 15.
Die meisten Flüchtlinge weltweit bleiben in ihren Herkunftsregionen. Deutschland spielt als Aufnahmeland international kaum eine Rolle.

Und hier in Deutschland? Wie soll es jetzt weitergehen im Rhein-Sieg-Kreis? Mahsa geht seit einer Woche in die zweite Klasse. Ein Anfang, auch wenn sie nur wenige Wörter Deutsch spricht.  Mustafa und Mina hoffen auf eine kleine Wohnung, mit den Zahlungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz wird das schwer. Etwas mehr als 1000 Euro stehen der Familie im Monat zur Verfügung. Außerdem müssen sie warten, bis ihr Asylantrag positiv entschieden wird. Erst dann bezahlt das Sozialamt eine größere Wohnung, erst dann können Sprachkurse und die Jobsuche beginnen. Als Ingenieur hat Mustafa wahrscheinlich sogar gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Aber bis dahin können anderthalb Jahre vergehen. Bei Familien aus dem Iran geht das Verfahren manchmal schneller, sechs Monate vielleicht.

 Paten begleiten die Flüchtlinge zu Ärzten und Behörden

„Die ersten Wochen sind schwer“, sagt Otto Deibler, der sich ehrenamtlich um die Flüchtlinge kümmert. Im Moment ist er jeden Tag im Übergangswohnheim oder mit den Familien unterwegs. Einige besuchen auch schon seine Sportgruppen. Um den Flüchtlingsfamilien die ersten Schritte in die deutsche Gesellschaft zu ermöglichen, vermittelt der Runde Tisch in Hangelar Patenschaften. Christiane Heilen, Ortsvorsteherin in Hangelar: „Es fallen zum Beispiel Behördengänge an, die diese Familien ohne Deutsch kaum bewältigen können. Es geht aber auch um Arztbesuche, wenn einer krank wird. All das sind mögliche Aufgaben für einen Paten aus der Region.“ Zwölf Personen sind mittlerweile im Runden Tisch organisiert, neben der Ortsvorsteherin und Otto Deibler sind auch die beiden Kirchengemeinden vertreten, weitere Vereine und Vertreter von Schule und Kindergarten. Alle vier bis sechs Wochen treffen sie sich im Gemeindezentrum der Christuskirche oder im Pfarrheim der katholischen Sankt Anna Kirche.

Mustafa, Mina, Mahsa und Kasra und die 25 anderen aus dem Übergangswohnheim werden voraussichtlich nicht die einzigen bleiben. Es sollen zwei weitere Container kommen in den nächsten Monaten. 
*alle Namen geändert.