Ich bin jetzt auch Papst

Für mich fängt alles in der Dönerbude „Pinocchio“ in Bonn Beuel an. Ein Türke mit italienischem  Namen? Egal, hier führt es uns direkt zum Kern der Sache. Italien. Rom. Papst. Ich stehe also hinter der Kundentheke vor dem offenen Holzkohlegrill und warte auf meine Bestellung – zwei Adana Kebab mit Reis und Salat. Und links oben in der Ecke flimmern die Bilder vom Petersplatz. Der Papst ist gewählt. Die Türen des päpstlichen Balkons gehen auf und heraus kommt – ein neuer Papst. Wer ist das? Der Ton ist aus oder so  leise, dass ich ihn nicht verstehen kann. Auf jeden Fall ist es richtig laut in der Dönerbude, es riecht nach Fleischsaft, der zischend auf der Kohle verdampft. Die Leute quatschen durcheinander, Kronkorken knallen, außer mir interessiert das Fernsehprogramm niemanden.  Also konzentriere ich mich auf die Bilder. Ist er Europäer, Lateinamerikaner? Afrika scheidet schon mal aus, so viel ist sicher. Und dann kommt diese unglaubliche Geste. Der neue Papst neigt seinen Kopf, er nimmt eine empfangende Haltung ein. Demütig sieht das aus. Was macht der da? So sieht jemand aus, der sich segnen lässt. Der neue Papst nimmt offenbar den Segen der zigtausend Schaulustigen auf dem Petersplatz entgegen. Das, was von ihm erwartet wird, dreht er rum. Verkehrte Welt, aber was für eine!

Papst Franziskus. Einer, der drogensüchtigen Frauen die Füße wäscht. Im Knast! Der in einem 40 Quadratmeter-Appartement lebt statt im päpstlichen Palast. Der den Limburger Protz-Bischof vor die Tür setzt – obwohl mächtige Kurienkardinäle sich vor ihn stellen. Und dann wird er in den letzten Tagen so zitiert: „Was ist dabei, wenn eine geschiedene Frau beim Abendmahl dabei sein möchte? Lasst sie!“ Dabei ist die Lehre der katholischen Kirche hier eindeutig: Geschiedene, die eine neue Verbindung eingegangen sind, haben bei diesem Sakrament schlicht – nichts verloren. Sie sind davon ausgeschlossen. Und jetzt soll der Papst in einem Telefonat genau das Gegenteil gesagt haben. Einer Frau, die an dieser Situation verzweifelt. Weil sie sich von ihrer Kirche ausgeschlossen fühlt. Und der Vatikan? Dementiert heute schmallippig: Die jüngsten Berichte über die Kommunion seien „nicht verlässlich und eine Quelle von Missverständnissen.“

Für mich ist dieser Papst vor allem eines: Eine Quelle des Glaubens, der Wahrheit, der Demut. Ob er das in diesem Telefonat so gesagt hat oder nicht, spielt für mich eigentlich gar keine Rolle. Er könnte es gesagt haben. Dieser Papst macht mir Hoffnung. Und viel wichtiger: Den Armen, denen die schon lange das Gefühl haben, nicht mehr dazuzugehören. Ich bin diesem Papst zuerst in einer lauten Dönerbude zwischen Kronkorken und Holzkohlegrill begegnet. Richtig so. Dieser Mann ist einer vom Volk, einer für die Menschen, einer von uns. Er gehört dahin. Ich bin sein Bruder. Ich bin Papst.