Allah und Jesus unter einem Dach

Eine interreligiöse Ehe ist schwierig und bereichernd zugleich

Die Familie sitzt zusammen. Irgendwann steht Opa auf, zieht sich die Schuhe aus und die Gebetskappe auf. Er rollt den Teppich aus und fängt an zu beten. Auf den Knien, das Gesicht nach Mekka. Meine Tochter kennt das schon. Denn dieser Opa ist der türkische Opa, Mama ist Muslimin, Papa evangelischer Christ. Willkommen im Alltag einer interreligiösen Familie.

Diese Geschichte beginnt vor etwa 15 Jahren. Ich lerne meine Frau an der Uni kennen, sie will Übersetzerin werden, ich habe mein Examen in  evangelischer Theologie gerade in der Tasche. Pfarrer kommt für mich damals nicht in Frage, aber der Glaube spielt für uns beide eine große Rolle. Für uns ist die Religion mehr als eine Zugehörigkeit. Der Glaube bietet Zuflucht und Schutz und gibt Hoffnung in schwierigen Zeiten. Wahrscheinlich führt gerade diese religiöse Verwurzelung beider dazu, dass wir den Glauben des anderen von Beginn an nicht in Frage stellen. Und auch den Grund dieses Glaubens nicht. Was für uns von Anfang an klar ist, ist für unsere Familien kaum nachzuvollziehen. Beide tun sich zunächst schwer, diese Partnerschaft zu akzeptieren. Wir unterschätzen die Furcht und Skepsis, die unsere Elterngeneration vor diesem anderen Glauben hat. Und auch die Scham, die unsere Ehepläne auslöst. Es folgen turbulente und komplizierte  Jahre. Honeymoon geht anders.

Erst als unsere Tochter unterwegs ist, kommt wieder Bewegung in die Sache. Und aus einer sehr kleinen Familie wird nach und nach eine große. Mit Weihnachten und Ostern, mit Opfer- und Zuckerfest. Mit Oma und Opa und der türkischen Anneanne und Dede. Mittlerweile ist viel Vertrauen da, wir besuchen aneinander zu den religiösen Festen und wünschen uns alles Gute. Aber die wirklichen Glaubensfragen bleiben außen vor. In unserer kleinen Familie in Bonn ist das anders. Wir erzählen unserem Kind von Anfang an von dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Der mit seinem Volk durch die Wüste geht, von Abraham, Isaak und Jakob. Von dem Gott, der uns liebt und sucht. Wir legen keine Religion für sie fest und muten ihr damit viel zu. Sie soll irgendwann alleine ihren Weg finden. Was wir ihr mitgeben können, ist das Vertrauen in einen persönlichen Gott, der uns auf unserem Weg begleitet. Auch unsere Kirchengemeinde hat uns in den vergangenen Jahren begleitet. Meine Tochter ist sehr gern im Kinderchor dabei. Und der Pfarrer hat unsere Ehe kürzlich gesegnet. Das war ein schönes und wichtiges Ausrufezeichen, nachdem wir im Jahr 2002 nur standesamtlich geheiratet hatten. Wir freuen uns über diese Offenheit und Akzeptanz unserer Partnerschaft. Das gibt Stabilität und Sicherheit.

Unsere Tochter hat sich mittlerweile für den christlichen Glauben entschieden. Im Juni hat sie sich in unserer Kirche taufen lassen. Ich freue mich darüber, und ich bin sicher, dass das ein guter Weg ist. Und für meine Frau ist diese Entscheidung auch in Ordnung. Bei uns Zuhause wird sich jetzt nicht viel ändern. Schweinefleisch kommt immer noch nicht auf den Tisch. Und das Tischgebet wird auch künftig lauten: Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür. Amen.