Orhan ist schlecht – Wie ich meinen ersten Fisch im Marmarameer angelte

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Mein erster selbst geangelter Fisch!

Mein Schwager Sahin beim Frühstück: „Hast du Lust, mit dem Boot rauszufahren und zu angeln?“ Wir sitzen in einem der Cafes in der Altstadt von Mudanya unmittelbar am Wasser. Es ist schon richtig heiß an diesem Morgen, aber der Wind vom Maramarameer kühl angenehm. Es gibt schöne Wellen und einige Schaumkronen auf dem Wasser.  „Du hast ein Boot?“ Er muss sich ein wenig umhören. Nach zehn Minuten am Telefon hat er Orhan, einen Arbeitskollegen,  von einer kleinen Angelpartie überzeugt. Es ist Sonntag, Orhan hat Zeit – und er hat ein Boot! „Jetzt brauchen wir nur noch einen Benzinkanister und eine Angel für dich.“

Angeltag! Der Gedanke gefällt mir. Ich habe schon sehr köstlichen Fisch am Marmarameer gegessen. Vor mehr als zwei Jahren war ich in einem der unzähligen Fischlokale von Mudanya. Einige der Läden sind direkt über dem Wasser auf Stelzen gebaut. Und wir aßen einen großen Raubfisch, Karagöz – Schwarzauge. Er war in einer Wein-Honig-Marinade gebraten und auf einem Riesentablett serviert, mit viel Gemüse drumherum. So ein Festessen ist natürlich die Ausnahme, auch für die Türken hier. Im Alltag steht vor allem Hamsi auf dem Speiseplan, also Sardine. Oder der etwas größere Bruder, die Makrele – Istavrit.

Orhan wartet mit Angelausrüstung und kurzer Hose an einer Straßenkreuzung in einem Vorort von Bursa. Zwischen Mudanya und Bursa sind es nur 20 Minuten mit dem Auto. Und Mudanya ist sowas wie der Hafen und die Strandpromenade für die Zwei-Millionen-Metropole im Hinterland. Also rein ins Auto, noch rasch einige Angelhaken und Benzin für den Zweitakter gekauft und ab zum Hafen! Die Mittagssonne brät unbarmherzig auf uns runter, als wir die Anlegestelle entlanggehen und das kleine Boot suchen. Drei kleine Bänke, zwei Luken für Material und der Außenbordmotor. Das wars.  Zuerst das Benzin in den Tank, etwas Öl hinterher. Probestart: Perfekt, der Motor springt ohne Mucken an und blubbert uns was vor. Auf dem Pier bereiten wir schonmal die Angelschnüre vor, weil das Meer heute ziemlich rauh ist und wir dieses Gefummel später auf den Wellen nicht mehr hinkriegen.

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Wir bereiten die Angelschnüre auf dem Pier von Mudanya vor.

Es sind jede Menge Hobbyangler wie wir unterwegs. Die meisten in ähnlich kleinen Booten, einige haben ein Schattensegel drüber gespannt. Draußen, weit entfernt, sehe ich einige große Pötte auf ihrem Weg vom Mittelmeer nach Istanbul.  Vielleicht fahren sie noch weiter durch den Bosporus ins Schwarze Meer. Einmal aus dem Hafenbecken raus, lassen die Jungs mich ans Steuer. So viel kann man hier draußen nicht verkehrt machen. Bei dem Seegang ist es nur wichtig, die Wellen zu kreuzen und nicht parallel dazu raus zu fahren. Sonst kippt das Boot um.

Orhan wird schnell seekrank und daher suchen wir uns nach nur zehn Minuten Fahrt ein Plätzchen zum Ankern. Wir haben Angelschnüre mit fünf Haken dran und kleinen bunten Federn. Die Technik ist einfach: Die ganze Schnur runter, das sind hier so um die 20 Meter, dann wieder ein bis zwei Meter vom Meeresboden hochziehen. Bei Orhan beißt der erste. Er ist stolz wie Oskar und facht unseren Ehrgeiz an. Bei Sahin beißen sie als nächstes. Dann wird auch meine Angelrute etwas schwerer vorne und ich kurbel die Schnur so schnell es geht nach oben. Und tatsächlich: Da zappelt ein silberner Istavrit am Haken. Jetzt muss ich natürlich auch noch den Rest erledigen. Ich ziehe die Schnur ran, umschließe den zappelnden Fisch mit der rechten Hand und ziehe den Widerhaken aus dem Fischmaul. Das hatte ich mir schwerer vorgestellt.

Orhan ist bei dem Hoch und Runter mittlerweile richtig schlecht geworden. Wir saßen Rücken an Rücken, daher sehe ich das erst jetzt. Er ist grau im Gesicht und sagt was zu Sahin, was nur so viel bedeuten kann wie: Ich muss jetzt kotzen. Zwei Sekunden später beugt es sich über den Schiffsrumpf und füttert die Fische. Er sieht danach erleichtert aus und lacht wieder. Es hat aber keinen Sinn. Er möchte zurück zum Hafen und lieber noch ein wenig von der Hafenmole aus angeln. Wir dürfen aber nochmal mit dem Boot raus und fahren eine ganze Ecke weiter in eine andere Bucht. Außer uns ist nur noch ein anderes Boot mit vier Anglern da.  Die Fische beißen hier wie blöd, wir holen mehrmals die Schnur raus und es sind zwei oder drei Fische dran. Nach einer halben Stunde haben wir um die 30.

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Sahin im Rausch. An dieser Stelle beißen zwei oder drei gleichzeitig.

Wir sind jetzt gut drei Stunden auf dem Meer und bei dem ganzen Gewackel meldet sich allmählich auch mein Magen. Also schmeiße ich den Motor an und nehme wieder Kurs auf den Jachthafen von Mudanya. Bloß: Nach einigen Metern Fahrt geht der Motor wieder aus. Ich ziehe wie wild an der Schnur. Nichts passiert. Die Wellen treiben uns dabei lustig auf die nächste Felswand zu. Als wir noch zehn Meter von der Steilwand entfernt sind, sagt Sahin: Zieh an dem kleinen Hebel da und mach das Gemisch fetter. Ich zieh den kleinen Hebel raus, der Motor springt trotzdem nicht an. Jetzt muss Sahin ran, der bis dahin noch völlig seelenruhig die Angel draußen hatte. Mein Schwager ist Maschinenbauer und kann alles ans Laufen bringen. Immer. So auch jetzt. Wir haben fast kein Benzin mehr im Tank und stellen den Kanister mit dem letzten Sprit etwas schräg. Nach mehrmaligen Startversuchen springt der Zweitakter etwas stotternd an und wir fahren wieder. Wir müssen nicht nach Hause rudern!

Orhan erwartet uns schon an der Hafenmole. Er ist guter Dinge und futtert auch schon wieder irgendwas. Dann können wir die Fische später ja zusammen auf den Grill schmeißen.