Ich werde dich töten – Mit dem Taxi durch Istanbul

Wir brettern die Yesilkoy Caddesi runter. Mit 100 Sachen im Mittagsverkehr. Das Auto war kurz zuvor scharf runter gebremst worden und beschleunigt jetzt wieder so, dass der Motor schreit. Wir müssen unbedingt vor dem Kleinbus in der nächsten Kurve sein. Ich habe kein Kartenmaterial auf den Knien und auch keinen Helm auf dem Kopf. Es ist keine Rallye. Hinter mir im Fahrzeug sind Frau und Kind und vier große Koffer. Wir sind auf dem Weg vom Flughafen Atatürk zum Fähranleger in Yenikapi. In einem von tausenden orangen Taxen Istanbuls.

Auf dem heißen Ritt mit dem Taxi durch die Istanbuler Altstadt.
Auf dem heißen Ritt mit dem Taxi durch die Istanbuler Altstadt.

Der Taxifahrer ist eher klein, hager, so um die 50 vielleicht. Die Haare sind bereits grau. Der Körper ist leicht nach vorne gebeugt und sein Rücken hat null Kontakt mit dem Sitz. Er sieht ein bisschen so aus, als wäre er mit dem Oberkörper an ein Gummiband geschnallt, das ihn jetzt nach vorn katapultiert. So wie unseren fast neuen und trotzdem schon klapprigen Dacia Logan. Gerade gibt es ein neues Duell mit einem dunklen SUV. Die Fahrt ist so rasant, dass ich mich aufs Überleben konzentriere und mir die Marke nicht merke. In jedem Fall ist der Wagen vor uns auf der linken Spur. Zu langsam für unseren Taxi Driver, der so nah auffährt, dass es dem Vordermann zu bunt wird. Der steigt kurz auf die Bremse und einen Moment habe ich das Gefühl, dass unsere Stoßstange die des Vorfahrenden touchiert. Der SUV zieht nach rechts rüber uns lässt uns jetzt vorbei. Aber unser Taxifahrer will jetzt nicht mehr. Er schließt auf gleiche Höhe auf, um nur einen Moment an mir vorbei den Fahrer anzufunkeln. Durch die geschlossenen Scheiben. Es ist nur ein ganz kurzer Blick, aber er bedeutet: Ich werde dich töten, vielleicht nicht heute. Aber dafür wirst du zahlen.  Wir ziehen vor ihn auf die rechte Spur und verlangsamen die Geschwindigkeit, vielleicht so auf 50 runter. Der hinter uns ist zu clever, um sich erneut auf dieses Spiel einzulassen. Mit einem waghalsigen Manöver und seinem fetten Motor schießt er in einer Kurve in die Lücke auf der linken Spur und ist weg. Wir bleiben hinter einem LKW hängen.

Dieses Melonen-Fahrrad blieb unversehrt.
Dieses Melonen-Fahrrad blieb unversehrt.

Für diese Niederlage werden auch wir bezahlen, das spüre ich genau. Er wird jetzt die Hauptstraße verlassen wegen einer Baustelle, sagt er. Zu viel Stau. Wir so: ja klar, auf jeden Fall! Er biegt ab in das Altstadtviertel Fatih, das sich bergab bis hinunter zum Bosporus zieht. Sehr enge kleine Gässchen mit Mopedfahrern, Eselskarren, Fußgängern. Unser Taxifahrer benutzt jetzt oft seine Hupe. Sehr oft. Ich bin fast 47 und fahre seit meinem 18. Lebensjahr Auto. In diesen 29 Jahren habe ich weniger gehupt als er in zehn Minuten Fatih. Gerade drängelt er einen silbernen Japaner fast von der Straße. Wir fahren nicht mehr so schnell, aber dafür im Slalom an verschiedenen Hindernissen vorbei. Auch lebenden. Unser Vordermann verliert einen Moment die Kontrolle und fährt einem parkenden Auto den Spiegel ab. Der fliegt in hohem Bogen an den Straßenrand und das parkende Fahrzeug löst die Alarmanlage aus. Didü Didü Didü. Egal, weiter geht der heiße Ritt durch die Altstadt. Schon sehen wir die ersten Schiffe, der rettende Hafen kann nicht mehr weit sein. Ja, Häfen können auch vom Land aus Schutz und Geborgenheit vermitteln.

Wir sind da. Die Hand meiner Frau lässt den Vordersitz los. Einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, ihre Finger würden in diesem Krallengriff verharren. Aber die Farbe in den Knöcheln kehrt rasch zurück, auch im Gesicht. Wir steigen aus. Er wuchtet uns die Koffer auf die Straße. Was macht es? 41,50: sagt er. Ich sage: 45. Und gebe ihm meinen Fünfziger. 50: sagt er. Wegen der Koffer. Auch gut. Wir kriegen unsere Fähre nach Bursa noch und haben auch noch was von der Altstadt gesehen.

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