Normal, verschieden zu sein – EKD schreibt Grundsatzpapier zu Inklusion

Beinahe alle Deutschen wollen sie, aber viel zu selten wird sie im Alltag auch gelebt. Die Rede ist von Inklusion, dem selbstverständlichen Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung. Nach einer Umfrage der Aktion Mensch aus dem Jahr 2014 befürworten 93 Prozent der Deutschen die Inklusion. Aber nur ein Drittel hat auch tatsächlich regelmäßig Kontakt zu Menschen mit einer Behinderung im Alltag. Das ist Leben weitgehend in parallelen Welten.  Jeder behinderte Mensch hat – von Kindesbeinen an – seine eigene Fördereinrichtung. Gehörlose in eine spezielle Schule, Kinder mit einer sogenannten geistigen Behinderung auf eine Spezialeinrichtung, Körperbehinderte ebenso. Das führt zu einer Trennung, die sich danach häufig fortsetzt. Die jungen Erwachsenen ziehen dann irgendwann in eine spezielle Wohneinrichtung irgendwo auf der grünen Wiese, nicht selten ist die Behindertenwerkstatt der einzige berufliche Anknüpfungspunkt nach einer Sonderschulausbildung.

Die Debatten rund um Inklusion verengen sich dabei häufig allein auf den Streit um die inklusive Schule. Das ist falsch, auch wenn die Schulausbildung einen wesentlichen Beitrag zum selbstverständlichen Miteinander liefern kann. Inklusion meint viel mehr als das. Sie hat die Teilhabe in allen Lebensbereichen zum Ziel. Sind Freizeiteinrichtungen so zugänglich, dass alle mitmachen können? Im Kino, beim Sport, im Konzert? Der Arbeitsplatz spielt eine große Rolle für das Selbstwertgefühl. Aber sind Teams und Abteilungen offen für eine kleinwüchsige Kollegin oder einen blinden Kollegen? Viel zu häufig schauen Personalverantwortliche auf die vermeintlichen Schwächen von Kandidaten und nicht auf deren Stärken.

Nicht zu vergessen das gemeinsame Leben in der Kirche. Wie steht es hier um die Inklusion – in Gottesdienst, Kinder- und Jugendarbeit, in Seelsorge und Diakonie? Der Rat der EKD hat sich Anfang des Jahres dazu mit einer Orientierungshilfe zu Wort gemeldet. „Es ist normal, verschieden zu sein. Inklusion leben in Kirche und Gesellschaft“ heißt das knapp 200-seitige Papier. Herausgekommen ist ein lesenswertes Papier.

Der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm macht in seinem Vorwort die Stoßrichtung deutlich:

„Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheit in die „normale“ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand mehr aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird.“

Drei bunte Kreise machen den Unterschied zwischen Exklusion, Integration und Inklusion deutlich.
Inklusionsgrafik der Aktion Mensch

Sehr ehrlich nimmt die Orientierungshilfe dabei den Entwicklungsstand von Kirche und Diakonie in die Blick. Diese Bestandsaufnahme im ersten von insgesamt fünf Kapiteln ist eine der Stärken des Papieres. Sie beschreibt den Entwicklungsschritt von der Versorgung von Menschen hin zur gleichberechtigten Teilhabe und Selbstbestimmung folgendermaßen:

Die Gründung großer diakonischer Einrichtungen Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte Bildung und Fürsorge von Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt waren. (…) Diese sind im 20. Jahrhundert zu professionell arbeitenden Organisationen mit zum Teil hoher Spezialisierung weiterentwickelt worden. Die Einrichtung von Förderschulen im beginnenden 20. Jahrhundert ermöglichte Kinder mit Behinderungen Förderung und Teilhabe. (…) Sie waren und sind ein wichtiger Beitrag zur Integration. (…) Negative Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind jedoch, dass dadurch „Sonderwelten“ entstanden, die oftmals verhindern, dass Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag begegnen und Erfahrungen gelungenen Miteinanders machen können.“ (…) Das Konzept der Inklusion konfrontiert die Behindertenhilfe – und mit ihr die Kirche und ihre Diakonie – mit ihrer Geschichte und stellt sie vor große Herausforderungen. Mit der flächendeckenden Etablierung von »Sonderwelten« in den Lebensbereichen Wohnen (Heim), Arbeiten (Werkstätten für behinderte Menschen) und Bildung (Sonder- oder Förderschulen) ist das heutige Ziel der vollen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft nicht hinreichend zu realisieren.“ 

Szene aus einem Castingfilm der Aktion Mensch, 2015.
Szene aus dem Begegnungsfilm der Aktion Mensch, 2015.

Eine Konsequenz dieser Sonderwelten: Unsicherheiten und Vorbehalte machen sich breit, wenn es dann doch mal zu einer Begegnung kommt. Wie gebe ich jemandem die Hand, der contergangeschädigt ist? Darf ich jemanden nach seiner Behinderung fragen oder ist das unhöflich? Gehe ich zu weit, wenn ich meine Hilfe anbiete? Vielleicht sollte das der behinderte Mensch von sich aus äußern? Was ist die richtige Sprache im Umgang mit einem Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung?  Diese Fragen und Unsicherheiten sind verständlich. Wenn das Miteinander nicht nicht geübt ist, schaut jeder zunächst auf das, was anders ist.

Die biblische Botschaft fordert aber zu größerer Offenheit auf. Im zweiten Kapitel „Theologische Orientierungen“ heißt es unter der Überschrift „Gott handelt inklusiv“:

„Mit Gottes Heilshandeln werden menschliche Leistungs- und Normalitätserwartungen auf den Kopf gestellt. Denn »ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an« (1 Sam 16,7).“  Das theologische Fundament für diese andere, für diese inklusive Blickrichtung liefert das Papier mit der Schöpfung des Menschen als Gottes Ebenbild (1. Mose 1, 26ff.):

„Jeder Mensch ist von Gott, so wie er ist, nach seinem Bild geschaffen. Dies begründet seine unantastbare Würde. Sie ist eine unverfügbare und unverlierbare Gabe Gottes, nicht abhängig von Eigenschaften oder Lebensbedingungen. Die Würde des Menschen muss nicht erleistet oder verdient werden. Sie ist ein Geschenk.“ 

Das Schöpfungshandeln Gottes verleiht dem Menschen nicht nur seine Würde. Es setzt ihn von Anfang an auch in Beziehung: zum Schöpfer selbst und zu seinen Mitmenschen.

„Gottebenbildlichkeit ist ein Beziehungsbegriff. Es gehört zur Würde der Menschen, dass sie auf Beziehung und Gemeinschaft zu Gott und untereinander angelegt und angewiesen sind.“

Wo leben wir diese Vielfalt bereits in Kirche und Gemeinde? Wo sind Menschen mit Behinderungen selbstverständlich dabei – in den Gruppen und Hauskreisen, in den Chören und Gottesdienstvorbereitungen?

„In der Kirche sammeln sich zwar viele Menschen, die sich für andere einsetzen. Allerdings gelingt es ihnen oft nicht, eine tragfähige Brücke zu Menschen mit Einschränkungen zu schlagen. Paradoxerweise kann gerade diese Haltung eines Engagements »für andere« Kommunikation auf Augenhöhe verhindern. Geschwisterlichkeit gelingt, wo aus dem Engagement »für andere« eine »Kirche mit anderen« wird.“

Gegen jeden ideologischen Absolutheitsanspruch setzt die Orientierungshilfe am Ende einen eschatologischen Vorbehalt. Er ermöglicht eine zupackende Haltung, ohne sich an der großen Herausforderung Inklusion zu verkämpfen.

„Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft oft eine große Lücke. Damit werden wir an die Rechtfertigungsbotschaft erinnert: Wir sind Sünder und Gerechte zugleich. Auch die Inklusionsdebatte findet in dieser Perspektive statt. (…) Widerstände und die Begrenztheit von Inklusion können wahrgenommen und bearbeitet werden – ohne gleichzeitig von der Vision einer inklusiven Gesellschaft abzulassen.“

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