Der Sieg über die Nasenhaare oder mein Besuch beim türkischen Berber

In der Türkei gehen die Männer sehr häufig zum Berber, zum Friseur. Dort bekommen sie mehr als einen Haarschnitt. Sie lassen sich rasieren und auch andere haarige Probleme werden zuverlässig und von Mann zu Mann erledigt. Ich gehe auch gerne dorthin.  Heute Abend entdecke ich meinen Salon direkt an der Hauptverkehrsstraße von Mudanya. Nur ein Gast auf einem der beiden Stühle. Der Berber sieht nett aus. Also rein, kurz nachgefragt, ob er mich noch nimmt. Ich nehme Platz im Wartebereich. Der Fernseher läuft volle Pulle, der Raum ist angenehm kühl klimatisiert. Der junge Mann vor mir kriegt gerade so eine Art Gurkenmaske. Was genau sich hinter dieser grünen Paste verbirgt, weiß ich nicht.

Noch ein Gast ist vor mir dran.
Noch ein Gast ist vor mir dran.

Ich habe Zeit, mich ein wenig umzuschauen. Zwei Spiegel, zwei Stühle, der Fernseher an der Wand. In der Mitte zwischen den Stühlen ein kleiner brauner Tisch, auf dem das Rasiermesser, die Schere, ein Feuerzeug und einige andere Friseursachen liegen. An der Wand eine Musikanlage, ein Wasserkocher und eine Herdplatte. Sehr zweckmäßig alles. Ich lasse mich von den türkischen TV Nachrichten berieseln, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, etwas zu verstehen. Die Klimaanlage und die bunten Bilder machen mich nach der Hitze am Marmarameer etwas schläfrig. Nach etwa einer Viertelstunde bin ich dran.

Ich nehme auf dem Stuhl Platz und wir verständigen uns kurz über das Arbeitsprogramm der nächsten halben Stunde. Ich unterstütze meine kläglichen türkischen Versuche mit Zeichensprache – dabei beschreibe ich mit dem Finger mehrmals einen Bogen um das Gesicht und er versteht sofort: Alles muss runter. Er geht rüber zum Wasserkocher und rührt mit dem siedenen Wasser den Schaum in einem Tiegel an. Dann mit dem Rasierpinsel aufs Gesicht und den Kopf. Man könnte das kurz machen. Hier aber wird geschäumt, bis der Arzt kommt. Der flauschige Rasierpinsel mit dem heißen Schaum ist eine Kopfmassage de luxe. Als mein Kopf aussieht wie die obere Kugel auf einem Schneemann, ist er zufrieden. Und ich bin tiefenentspannt. Aus den Augenwinkeln und etwas dösig sehe ich, wie er eine frische Rasierklinge abbricht und aufs Messer setzt. So ähnlich muss man sich mit dieser Leckmich-Tablette vor einer OP fühlen.

Der Friseurladen von Zafer in Mudanya.
Der Friseurladen von Zafer in Mudanya.

Er beginnt mit dem Schädel. Mit einem leichten Schabegeräusch arbeitet er sich Stück für Stück vor und aus dem Schneemann wird nach und nach eine Billardkugel. Mit den Fingern fühlt er dabei nach jedem Zug, ob er irgendwo was vergessen hat. Dann die Wangen und den Hals. Als das lange Rasiermesser an meinem Adamsapfel ansetzt, möchte ich kurz nervös schlucken. Ich lasse es. Wahnsinn, seinen Namen kenne ich nicht und trotzdem begebe ich mich für 20 türkische Lira in seine Hand. Die Rasur ist fertig.  Jetzt kommt ein sehr erfrischender, aber auch sehr schmerzhafter Moment. Die Türken lieben Kölnisch Wasser oder wie sie es hier alle nennen: Kolonya. Ein ordentlicher Schuss davon in seine Hände und dann schön in die frisch rasierte Haut einmassieren. Ich habe das Gefühl, dass die Körpertemperatur an diesen Stellen schlagartig um 20 bis 30 Grad ansteigt.

Mir soll aber noch heißer werden. Ich habe in den südlichen Ländern schon viele Methoden erlebt, wie die Haare in den Ohren abgeflemmt werden. Am häufigsten wird ein Wattebausch-Stäbchen in Alkohol getränkt und angezündet. Mein Berber in Mudanya macht es sich da einfacher. Er nimmt das Feuerzeug, macht es an und hält es einfach an mein Ohr. Er beginnt mit den kleinen Härchen oben auf der Ohrmuschel und nimmt es erst wieder weg, als es richtig verkokelt riecht. Die Methode ist sehr effektiv, aber auch sehr heiß. Warum um alles in der Welt wachsen mir überhaupt die Haare aus den Ohren und der Nase? Das Finale an diesem wunderschönen Sommerabend sind dann tatsächlich meine Nasenhaare. Zuhause verzweifele ich regelmäßig daran. Ich bin meinem Berber für diesen intimen Moment sehr dankbar. Er arbeitet sich hier mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit durch meinen verschiedenen Haarproblemzonen.

Wir stellen uns am Ende noch einander vor. Er heißt Zafer, das bedeutet Sieg. Danke Zafer, für diesen heißen Kampf gegen die Haare. Du hast sie am Ende alle gekriegt. Und ich gehe sehr glatt und glücklich nach Hause.

Glatt und glücklich. Der Besuch beim Berber lohnt sich!
Am Ende glatt und glücklich.

Mittagsgebet in der Moschee – Wie Muslime beten

Allahu akbar. Gott ist groß. 13:16 Uhr in Mudanya, einem Ort an der türkischen Marmarameerküste. Der Muezzin ruft zum Mittagsgebet. Vor uns haben es zwei Männer genauso eilig wie wir. Das Minarett der Moschee ist zwar schon zu sehen, es sind aber noch gut 250 Meter bis dahin. Aber der Ezan, der Aufruf zum Gebet, hat gerade erst begonnen. Er begleitet uns in den kommenden knapp fünf Minuten auf unserem eiligen Weg.

Die
Die „Alte Moschee“ in Mudanya.

Ich begleite meinen Schwager Sahin zum Mittagsgebet. Heute will ich miterleben, wie genau das in der Moschee abläuft. Denn das muslimische Beten übt seit vielen Jahren eine Faszination auf mich aus. Etwa 15 Jahre ist es her. Es war auch im Urlaub, in der Altstadt von Kusadasi hier in der Türkei. Ich beobachtete damals einen alten Mann, der sich mit der rituellen Waschung auf den Besuch in der Moschee vorbereitete. Seine Hingabe und tiefe Frömmigkeit habe ich nicht mehr vergessen.

Jetzt sind bereits der Zaun der Moschee und Teile des Innenhofes zu sehen. Auch hier bereiten sich die Männer gerade auf das Gebet vor. Füße, Hände, Haare, Gesicht, Ohren, Nase und Mund. Die Schuhe werden ausgezogen, sie betreten den mit einem dicken Teppich ausgelegten heiligen Raum auf Socken. Das, was man abwaschen kann, soll draußen bleiben, wenn sie vor Allah treten. Das andere kann im Gebet zur Sprache kommen.

Hier breitet sich ein Mann auf das Gebet in der Ulu Camii in Bursa vor.
Hier breitet sich ein Mann auf das Gebet in der Ulu Camii in Bursa vor.

Hayiya ‚ala s-salat, Hayiya ‚ala al-falah. Auf zum Gebet, auf zur Seligkeit ruft der Muezzin. Wir sind die letzen, die die uralte Moschee aus dem Jahr 1500 betreten. Und es ist auch wirklich Zeit, die Plätze einzunehmen. In dem eher kleinen Bauwerk warten vor uns bereits etwa 70 Männer kniend auf die einleidenden Worte des Imams. Auf einem Balkon über uns sind einige Frauen, die ich nicht sehen kann. Sahin sagt mir, dass sie da sind. Beim Gebet sollen sich Frauen und Männer durch nichts ablenken lassen, auch nicht durch das andere Geschlecht.

Ich verziehe mich in die hinterste Reihe. Der Imam eröffnet nun den ersten Teil des Mittagsgebetes. Bei dieser Ouvertüre kann mitmachen, wer möchte. Aufstehen, in die Knie gehen, den Kopf verneigen, bis die Stirn den Boden berührt, wieder in die Hocke, aufstehen. Und von vorne. Dabei murmeln die Gläubigen das Gebet auf arabisch. Sie rufen Allah bei seinem Namen an und sprechen eine Art Lobpreis: Gott hört denjenigen, der ihn preist. Preist den Herrn, den Gewaltigen. Den Höchsten.

IMG_1466
Dieser Beter in der „Alten Moschee“ in Mudanya kniet vor der Gebetsnische gen Mekka.

Allahu akbar. La ilaha lila illah. Gott ist groß. Niemand außer Gott ist anbetungswürdig. Jetzt verändert sich plötzlich die gesamte Formation vor mir. Eben noch beteten die Männer ungeordnet. Alle zwar mit Blick nach Mekka. Aber jeder betete in seinem Rhythmus und an seinem Platz. Nun aber bilden sich vier gerade Reihen hintereinander, alle mit dem Blick auf den Imam und die Gebetsnische, die den Weg nach Mekka anzeigt. Es folgt der Pflicht-Teil. Dieses Gebet gehört fünfmal am Tag zu den heiligen Pflichten eines jeden Muslims. Dabei sind die Uhrzeiten genau festgelegt, je nach geographischer Lage. Die genauen Zeiten hängen an kleinen Abreißkalendern in jedem muslimischen Haushalt. In diesen Tagen ist das Frühgebet um kurz vor sechs, es folgt das am Mittag. Die drei weiteren sind nach fünf, um kurz vor neun und um halb elf. Fünfmal am Tag auf die Knie vor dem, der alles gemacht hat! Vor dem auch Abraham, Isaak und Jakob niederknieten.

Nicht alle Gebete werden dabei in der Moschee verrichtet. Am häufigsten wird der Gebetsteppich in den eigenen vier Wänden ausgerollt. Aber das gemeinsame Gebet in der Moschee ist etwas besonderes und vierzigmal so viel Wert, sagt Sahin. „Stell dir einfach vor, alle Schüler einer Klasse haben richtig Mist gebaut. Und jetzt kommt jeder einzeln zum Lehrer und beichtet das. Wie viel stärker für beide muss es sein, wenn sie geschlossen vor den Lehrer treten und sagen: Es tut uns leid, kommt nicht wieder vor. Bitte verzeih uns.“

Nach etwa 20 Minuten ist das Gebet in der Moschee in Mudanya beendet. Beim Rausgehen begrüßen wir noch kurz den Muezzin. Er ist freundlich und ich habe den Eindruck, dass er sich über unseren Besuch freut. Moscheen sind großartige Orte der Stille – auch für Christen.

In der berühmten Ulu Camii von Bursa. Moscheen sind großartige Orte der Stille.
In der berühmten Ulu Camii von Bursa. Moscheen sind großartige Orte der Stille.